G.10 Überschwemmungsgebiete

Bearbeitungsstand: 11/2018

 

Bei größeren Fließgewässern, die bei Hochwasser überflutet werden können, unterscheidet man zwischen natürlichen und gesetzlichen Überschwemmungsgebieten.

 

Natürliche Überschwemmungsgebiete

Natürliche Überschwemmungsgebiete sind die Bereiche entlang von Fließgewässern, die bei Hochwasserereignissen überflutet werden. Im Naturzustand treten Flüsse mehr oder weniger regelmäßig über die Ufer und ihr Wasser fließt bei großen Hochwässern unter Nutzung der gesamten Auenfläche ab. Bei schwachem Gefälle des betreffenden Fließgewässers, wie es z. B. bei den Bächen und Flüssen auf Gütersloher Stadtgebiet der Fall ist, können solche Überflutungen mehrere Wochen andauern. Der Ermittlung von natürlichen Überschwemmungsgebieten wird häufig ein 100-jährliches Regenereignis zugrunde gelegt.

 

Gesetzliche Überschwemmungsgebiete

Gesetzliche Überschwemmungsgebiete werden demgegenüber von der oberen Wasserbehörde (Regierungspräsident) nach § 76 Wasserhaushaltsgesetz bzw. § 112 Landeswassergesetz ausgewiesen. Sie sollen zur Sicherung von leistungsfähigen Fließquerschnitten möglichst von Bebauung freigehalten werden und dienen darüber hinaus der Sicherstellung des Abflusses und der Erhaltung von Retentionsräumen (Rückhalteräumen) zur Minderung von Hochwasserspitzen im weiteren Verlauf.

Die gesetzlichen Überschwemmungsgebiete orientieren sich zwar an den natürlichen, stimmen jedoch nicht unbedingt mit ihnen überein, weil bestimmte Bereiche bereits bebaut sind. Auch sind die Gewässer häufig so stark ausgebaut, dass eine natürliche Überflutung der Aue weitgehend ausgeschlossen ist. Die Unterscheidung von gesetzlichen und natürlichen Überschwemmungsgebieten ist deswegen von Bedeutung, weil bestimmte Maßnahmen in diesen Bereichen laut Landeswassergesetz genehmigungspflichtig werden, sofern sie einen relevanten Umfang erreichen. Ausnahmen können von der unteren Wasserbehörde (Kreisverwaltung) zugelassen werden.

Zu den genehmigungspflichtigen Maßnahmen zählen:

  • die Erhöhung oder Vertiefung der Erdoberfläche, die Herstellung,
  • Veränderung oder Beseitigung von Anlagen und
  • die Anlage von Baum- oder Strauchpflanzungen.

Die Überschwemmungsgebiete im Kreis Gütsersloh sind in der interaktiven Karte G.10.1 im Kap. "Heutige Überschwemmungsgebiete im Kreis Güstersloh" dargestellt (Stand 2015).

 

Hochwasserrisiko-Managementplanung

Mit der europäischen „Richtlinie über die Bewertung und das Management von Hochwasserrisiken“ aus dem Jahr 2007 wird die Entwicklung und Umsetzung von Hochwasserrisiko-Managementplänen bis 2015 gefordert. Seit März 2010 sind die Regelungen im deutschen Wasserhaushaltsgesetz (WHG) verbindlich verankert.
Hochwasserrisiko-Management geht dabei über den reinen Hochwasserschutz hinaus. Es umfasst langfristige raumplanerische Ziele ebenso wie das Ziel eines koordinierten Vorgehens während eines Hochwassers und die Schadensnachfolge. Die verschiedenen Disziplinen, die in einer Region für den Hochwasserschutz arbeiten oder betroffen sein können (Wasserwirtschaft, Raumplanung, Bauleitplanung, Ver- und Entsorgung, Denkmalschutz, Katastrophenschutz, Wirtschaft et cetera), sollen enger kooperieren und mit dem Hochwasserrisiko-Managementplan ein gemeinsames Maßnahmenpaket schnüren.

Die Federführung für das Hochwasserrisiko-Management liegt bei den Landesbehörden. Sie erarbeiten mit den zuständigen Akteuren (z.B. Kommunen, Kreise, Wasser- und Deichverbände) einen gemeinsamen Plan zur Minimierung der Hochwasserrisiken. In den Planungsprozess werden auch interessierte Stellen wie z.B. Industrie- und Handelskammer, Landwirtschaft, Naturschutz oder Bürgerinitiativen einbezogen.

Als erster Schritt im Rahmen der Hochwasserrisiko-Managementplanung wurde 2011 die sogenannte vorläufige Bewertung abgeschlossen. Dabei erfolgte eine Bestandsaufnahme der Gewässerabschnitte, bei denen möglicherweise ein signifikantes Hochwasserrisiko besteht. Nur Gewässer mit einem möglichen signifikanten Hochwasserrisiko und die zugehörigen Einzugsgebiete wurden im weiteren Verlauf näher betrachtet.

Für das Gütersloher Stadtgebiet wurde für die folgenden 9 Gewässer ein potenziell signifikantes Hochwasserrisiko festgestellt:

  • Lutter,
  • Reiherbach,
  • Welplagebach (bezeichnet den Schlangen-/ Reinkebach),
  • Ems,
  • Wapelbach,
  • Dalkebach,
  • Menkebach,
  • Knisterbach und
  • Ölbach.

Anschließend wurden bis 2013 aus den gewonnenen Ergebnissen Gefahrenkarten für Hochwasser mit geringer, mittlerer und hoher Wahrscheinlichkeit sowie Risikokarten erstellt. Gefahrenkarten informieren über die mögliche Ausdehnung und Tiefe einer Überflutung. Die Federführung bei der Erstellung der Hochwassergefahren- und -risikokarten liegt bei der jeweiligen Bezirksregierung.

Auf der Grundlage der Hochwassergefahren- und -risikokarten wurden bis 2015 Hochwasserrisiko-Managementpläne erarbeitet. die die Gefahrenlagen bewerten und vorbeugende Maßnahmen zur Verminderung von Schäden mit Prioritäten und Zuständigkeiten enthalten. Handlungsbereiche sind Flächenvorsorge, natürlicher Wasserrückhalt, technischer Hochwasserschutz, Bau-, Risiko-, Informations-, Verhaltensvorsorge, Gefahrenabwehr und Katastrophenschutz, Hochwasserbewältigung und Regeneration. Die Maßnahmen in den Managementplänen umfassen einen sechsjährigen Umsetzungszeitraum bis 2021.

Der  für Gütersloh geltende Hochwasserrisikomanagementplan Ems NRW (Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz 2015) ist im Internet unter der Seite "Flussgebiete NRW" veröffentlicht. Dort können auch die kommunalen Steckbriefe mit den entsprechenden Maßnahmen heruntergeladen werden.

 

Heutige Überschwemmungsgebiete in Gütersloh

Die Karte G.10.1 zeigt die heutigen natürlichen Überschwemmungsgebiete auf dem Gebiet der Stadt Gütersloh. Sie stellen die auf einer rechnerischen Simulation beruhenden Flächen dar, die bei einem sogenannten 100-jährlichen Regenereignis, d. h. bei einem statistisch gesehen alle 100 Jahre auftretenden Regenereignis, überflutet würden. Auffallend sind die großen Überflutungsflächen im Bereich der Lutter, die offensichtlich auf Rückstau oberhalb von Straßendurchlässen zurückzuführen sind. Sowohl oberhalb der Brockhäger und der Holler Straße in Blankenhagen wie auch oberhalb der Haller Straße in Isselhorst ergeben sich derartige große Rückstauflächen. Ähnliche Effekte sind an den anderen Fließgewässern in Gütersloh ebenfalls zu beobachten, so z. B. an der Wapel (Herzebrocker Straße), am Ölbach (A 2) und an der Dalke (Sürenheider Straße). Daneben gibt es aber auch Bereiche, an denen kaum oder keine Überflutungen erwartet werden müssen. Besonders auffallend ist dies an der Dalke im Bereich der Kernstadt und in Teilen von Sundern. Auch an der Lutter in Isselhorst gibt es derartige Abschnitte. In diesen Teilen sind die Gewässer besonders stark und leistungsfähig ausgebaut. Über die genannten Überschwemmungsflächen hinaus weisen insbesondere Ems, Wapel- und Ölbach relativ gleichmäßig breite natürliche Überschwemmungsgebiete auf.

 

Historische Überschwemmungsgebiete in Gütersloh

In der Karte G.10.1 sind weiterhin die historischen natürlichen Überschwemmungsgebiete dargestellt. Das sind solche Bereiche, die in historischer Zeit regelmäßig überflutet wurden. Sie wurden um 1910 vom Königlichen Meliorationsbauamt in Minden erhoben, also zu einer Zeit, zu der bereits Regulierungsmaßnahmen in erheblichem Umfang stattgefunden hatten. Es zeigt sich, dass sie erheblich von den heutigen Überschwemmungsgebieten abweichen, z. B. weil in Bereichen, in denen die heutigen Überschwemmungsgebiete breiter sind, vermutlich damals keine baulichen Hindernisse, wie zum Beispiel Straßendurchlässe, bestanden haben, die einen Rückstau hätten zur Folge haben können. In Bereichen, in denen die Ausdehnung der früheren Überschwemmungsgebiete die der heutigen übertrifft, spielen wahrscheinlich zwischenzeitlich erfolgte Ausbaumaßnahmen eine Rolle, die einen schnelleren Hochwasserabfluss zur Folge haben. Zudem haben sich die Vorflutverhältnisse oftmals geändert. Auch gibt es verstärkt Zuflüsse aus der Niederschlagsentwässerung (vergleiche Zunahme der Siedlungsfläche, Kapitel E.2).

 

Ausbaumaßnahmen und Gefährdungspotenzial

Die Ausbaumaßnahmen wie Begradigung und regelmäßige Profilierung haben ökonomische Schäden durch Überflutungen von Siedlungs- und Kulturflächen in bestimmtem Maße und räumlich begrenzt verhindert. Sie führten aber häufig zu umso größeren Problemen in flussabwärts liegenden Bereichen, da große ehemalige Retentionsflächen nicht mehr genutzt wurden: Fließt ein Gewässer aufgrund seines Ausbaus rascher ab, werden weniger Flächen überflutet und können damit nicht als Retentionsraum zum Schutz der unterhalb liegenden Bereiche (Siedlungen et cetera) genutzt werden. Einzelne Siedlungen und Gebäude innerhalb der Aue können darüber hinaus im Hochwasserfall den Abfluss behindern. Diese Gefahren waren auch für Gütersloh schon 1872 (!) bekannt. Zur Kultivierung von kaum genutztem Ödland und zur Verhinderung von unvorhersagbaren Fluten, die auf Ausbaumaßnahmen zurückzuführen waren, wurden im oberen Emsgebiet eigens Wasserverbände gegründet. Sie regelten Be- und Entwässerung, den Ausbau und die Unterhaltung der Fließgewässer. In Teilen Güterslohs ging damals jede dritte Ernte durch Sommerhochwässer verloren (Archiv Kreis Gütersloh: Regensberg 1872).

 

Regenwasserrückhaltung

Zur Reduktion der Hochwasserlast, also Reduktion der Menge des abfließenden Wassers, können Regenwasserversickerung und –retention einen entscheidenden Beitrag leisten. Daher wird in Gütersloh bei der Ausweisung von Baugebieten darauf geachtet, dass Regenwasser möglichst grundstücksnah versickert, zurückgehalten oder genutzt wird. Bei bereits bestehenden Gebäuden und Flächen bestehen ebenfalls derartige Möglichkeiten, allerdings ist der Aufwand hier deutlich höher. Anfallendes Regenwasser größerer Bereiche kann in Regenwasserrückhaltebecken zwischengespeichert und zeitlich versetzt an das Abwasserkanalnetz bzw. die Gewässer abgegeben werden.

 

Landschaftsökologische Funktionen

Neben der Retentionsfunktion erfüllen die regelmäßigen Überflutungen der Auen weitere wichtige landschaftsökologische Funktionen. Die lange überstauten und langsam wieder trocken fallenden Flächen bieten ganz spezifische Lebensbedingungen für viele Organismen. Beispielsweise sind an lange mit Wasser bespannten Flutmulden und Feuchtwiesensenken zahlreiche Pflanzen und Tiere (z. B. Kiebitz und Großer Brachvogel) angepasst. Mit dem Ausbleiben der Überstauungen sind an die Feuchtbereiche angepasste Arten sehr selten geworden bzw. ganz verschwunden.

 

Schwermetalle in Böden der Überschwemmungsgebiete

In die Böden der Überschwemmungsgebiete wurden und werden mit dem Hochwasser neben anderen Schweb- und Inhaltsstoffen auch Schwermetalle eingetragen. In den heute nicht mehr überfluteten ehemaligen Überschwemmungsgebieten auf Gütersloher Stadtgebiet sind die Nickel-, Zink-, Kupfer- und Arsenkonzentrationen in den Oberböden auf Ackerstandorten um rund 30 Prozent höher als außerhalb. Bei Grünlandstandorten ist nur die Nickelkonzentration höher. Die Konzentrationen der übrigen Schwermetalle sind dagegen bei Grünlandstandorten in den Überschwemmungsgebieten eher niedriger als außerhalb, besonders bei Chrom und Zink (vergleiche Kapitel E.7). Diese Anreicherungen von Schwermetallen sind in der Vergangenheit auf nicht oder nur mangelhaft gereinigte Abwässer, die in die Fließgewässer eingeleitet wurden, zurück zu führen. Die Differenzen bei den Schwermetallkonzentrationen zwischen Acker- und Grünland entstanden durch die Unterschiede beim chemischen Verhalten der Böden wie auch durch deren Bewirtschaftungsformen. Die ermittelten Konzentrationswerte liegen alle unterhalb eines gesundheitlich bedenklichen Niveaus.


Stadt Gütersloh, Fachbereich Umweltschutz; Letzte Änderung: 08.11.2018