M.2 Allergien, Atemwegserkrankungen bei Kindern

Bearbeitungsstand: 07/2008

Der Schwerpunkt der Querschnittsstudie, deren Daten im Frühjahr 1999 erhoben wurden,  lag in der Beschreibung möglicher gesundheitlicher Belastungen von Kindern, differenziert nach persönlichen Merkmalen und räumlicher Verteilung sowie der Bewertung der Ergebnisse im Hinblick auf mögliche Zusammenhänge zu bestimmten Luftbelastungen oder Luftschadstoffquellen, insbesondere hinsichtlich eines in Gütersloh ansässigen Spanplattenbetriebes.

Die als Vollerhebung angelegte Umfrage umfasste als Untersuchungskollektiv die Kinder aller 47 Gütersloher Kindergärten bzw. Kindertagesstätten und 17 Grundschulen. Planung, Organisation sowie das Datenmanagement der Studie erfolgte durch den Fachbereich Umweltschutz der Stadt Gütersloh. Mit der Auswertung und Berichterstattung wurde das Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (Imibe) des Universitätsklinikums Essen beauftragt. Die räumliche Ergebnisdarstellung erfolgte über die Kopplung einer Datenbank mit einem Geografischen Informationssystem beim Fachbereich Umweltschutz.

Insgesamt 5.860 Eltern haben sich an der Umfrage beteiligt. Das bedeutet eine sehr gute Umfragebeteiligung (Rücklaufquote) von über 75 Prozent. Ein Grund dafür war - neben der Motivation der Eltern - sicherlich auch die Unterstützung durch die Schulen bei der Fragebogenverteilung und -einsammlung.

 

Repräsentativität

Durch die Vollerhebung und die hohe Umfrageteilnahme konnte mit wenigen Ausnahmen eine gute Repräsentativität hinsichtlich Geschlecht, Nationalität, Sozialstatus und Sozialräumen (Stadtgebieten) erwartet werden. Tendenzen eines engagierteren Antwortverhaltens von Eltern, die mit ihren Kinder in der Nähe des (zum Zeitpunkt der Befragung) in Frage stehenden Spanplattenwerkes wohnen, waren nach der zur Verfügung stehenden Datenlage nicht erkennbar.

Das Durchschnittsalter der befragten Kinder lag bei 7,3 Jahren, der Altersbereich zwischen 0 und 13 Jahren. Rund 90 Prozent der teilnehmenden Kinder hatten zumindest ein deutsches Elternteil. Türkische, aramäische und griechische Kinder bildeten die größten nicht-deutschen Bevölkerungsgruppen.

Häufigkeit und Verteilung von - neben der Luftbelastung - potentiell gesundheitsbeeinflussenden Faktoren, wie Innenraumbelastungen, Wohnlage und -verhältnisse, Passivrauchbelastung sowie familiärer Vorbelastung zeigten, dass bei gut 45 Prozent der Kinder mit Innenraumbelastungen gerechnet werden musste, unter anderem durch einen auffällig hohen Anteil an Renovierungsaktivitäten im letzten Jahr. Von Kraftfahrzeug-bedingten Schadstoffbelastungen durch Wohnen im Nahbereich einer verkehrsreichen Straße bzw. durch ein straßenseitig gelegenes Kinderzimmer waren rund 40 Prozent bzw. 23 Prozent der Kinder betroffen. Im Vergleich zu Verhältnissen im westlichen Ruhrgebiet sind diese Werte eher als niedrig zu bezeichnen. Der Anteil jemals passivrauchbelasteter Kinder lag in Gütersloh mit 39 Prozent ebenfalls relativ niedrig, muss aber als untererfasst bewertet werden. Insgesamt wurde eine starke Abhängigkeit zwischen den Rauchgewohnheiten und dem Bildungsstatus der Eltern deutlich.

 

Erkrankungen und Symptome

Die Beschreibung der Häufigkeiten und Verteilungen von Erkrankungen und Symptomen ergab, dass über 40 Prozent der befragten Kinder in Gütersloh jemals an einer ärztlich diagnostizierten Bronchitis erkrankt sind und rund ein Drittel aller befragten Kinder an allergischen Erkrankungen und/oder Symptomen leidet. Diese Zahlen liegen insgesamt nicht auffällig anders als in Vergleichsgebieten im Ruhrgebiet.

In der Regel sind Jungen häufiger als Mädchen von den befragten Erkrankungen betroffen, jüngere Kinder eher von Infektionskrankheiten, während sich bei älteren Kindern häufiger allergische Symptome herausgebildet haben. Deutsche Kinder weisen deutlich höhere ärztlich diagnostizierte Erkrankungsraten auf, während keine nationalitätenbezogenen Unterschiede bei den von Eltern angegebenen sogenannten unspezifischen Symptomen (z.B. häufig laufende Nase, gerötete Augen und Erbrechen / Durchfall) der letzten 12 Monate zu beobachten waren. Es zeigte sich, wie auch in anderen Studien, dass elterliche Angaben zu jemals ärztlich diagnostizierten Erkrankungen sehr stark mit dem Ausbildungsniveau der Eltern verknüpft sind.

Karte M.2.1 Unspezifische Symptome

Geobasisdaten der Kommunen und des Landes NRW © Geobasis NRW 2015

Legende

Hinsichtlich der räumlichen Verteilung der Erkrankungshäufigkeiten in Gütersloh hat sich das Innenstadtgebiet als ein deutlicher Schwerpunkt mit relativ höheren Erkrankungshäufigkeiten herauskristallisiert. Auffällig ist vor allem der Sozialraum Miele mit jeweils höchsten Erkrankungsraten für eine ärztlich diagnostizierte Bronchitis (44 Prozent gegenüber 39.5 Prozent der Kinder im übrigen Stadtgebiet) und Nasennebenhöhlentzündungen (13.5 Prozent gegenüber durchschnittlich 9.4 Prozent) sowie überdurchschnittlich hohen Raten an unspezifischen Symptomen (Karte M.2.1).

Als geeignet zur Feststellung von Zusammenhängen zwischen Erkrankungen und potenziellen Risikofaktoren erweisen sich Angaben zu den verschiedenen (unspezifischen) Symptomen (Elternangabe) der letzten 12 Monate. Eine Lungenentzündung im ersten Lebensjahr erwies sich als wichtiger Risikofaktor für das spätere Auftreten der unspezifischen Symptome. Weiterhin spielen familiäre Vorerkrankungen, Keuchhusten, feuchte Wohnungen sowie offene Feuerstellen in der Wohnung mit Gas, Kohle oder Holz (Abgasbelastung des Wohnraums) eine Rolle für die Ausprägung häufiger infektiöser und allergisch bedingter Krankheitssymptome.

Die Bedeutung der Kraftfahrzeug-Emissionen als Luftschadstoffquelle mit gesundheitlichen Auswirkungen zeigt sich durch erhöhte Risiken bei längerer Aufenthaltsdauer im Straßenverkehr sowie Wohnortnähe zu einer verkehrsreichen Straße.

 

Spanplattenemissionsbelastung

Karte M.2.2 Geruchsbelastungen

Geobasisdaten der Kommunen und des Landes NRW © Geobasis NRW 2015

Legende

Darüber hinaus scheint aber nach den vorliegenden Ergebnissen durchaus ein Zusammenhang zwischen Emissionen des (damaligen) Spanplattenbetriebes und erhöhten Erkrankungsrisiken möglich. Darauf deuten unter anderem Trends erhöhter Raten unspezifischer Symptome (wie häufig gerötete, juckende Augen, häufig laufende, verstopfte oder juckende Nase, Husten ohne Erkältung, Niesanfälle und Reizhusten) bei Kindern hin, die einer Belastung durch Abgase des Werkes ausgesetzt sind. So steigt zum einen der Anteil der Kinder, die an mehr als 2 dieser Symptome in den letzten 12 Monaten gelitten haben, mit zunehmender Geruchsbelastung von 19.5 Prozent in unbelasteten auf 27.5 Prozent in gering belasteten und sogar 33 Prozent in hoch geruchsbelasteten Gebieten (Dosis-Wirkungsabhängigkeit). Zum anderen zeigte ein Vergleich von Gebieten mit unterschiedlichen Belastungsprofilen hinsichtlich Kraftfahrzeug-Immissionen, Spanplattenwerkgeruchsbelastungen und Staubniederschlägen (Stadtrand-Vergleichsgebiet, Innenstadt-Vergleichsgebiet ohne Spanplattenemissionen und Spanplattenbelastungsgebiet) eine stufenförmige Zunahme des Anteils von Kindern, die an mindestens einem unspezifischen Symptom in den letzten 12 Monaten gelitten haben, von geringsten Symptomraten im Stadtrandreferenzgebiet (25.0 Prozent), deutlich erhöhten Raten von 41.8 Prozent im Innenstadtvergleichsgebiet ohne Spanplattenemissionsbelastung (aber hoher Verkehrsbelastung) und höchsten Symptomraten (50.0 Prozent) im Innenstadtgebiet mit Spanplattenemissionsbelastung (zu den Vergleichsgebieten siehe Karte M.2.2).

 

Risikoerhöhung

Die beobachtete Risikoerhöhung für Kinder, die in dem durch Geruchsbelastungen definiertem Spanplattenemissionsgebiet wohnen, bewegte sich in der Größenordnung der bekanntlich gesundheitsgefährdenden Kraftfahrzeug-bedingten Immissionsbelastungen. Bei rund 47 von insgesamt 276 im Belastungsgebiet wohnenden Kindern, die in den letzten 12 Monaten an mehr als einem unspezifischem Symptom gelitten haben, sind die erhöhten Symptomraten auf die Exposition im Spanplattenemissionsgebiet zurückführbar.

Allerdings sollten die hier gefundenen Beobachtungen vor dem Hintergrund einschränkender Aussagemöglichkeiten der Studie bewertet werden, insbesondere im Hinblick auf den vermuteten Zusammenhang zwischen Emissionen des Spanplattenwerkes und erhöhten Symptomhäufigkeiten. Einschränkungen entstehen erstens durch eine mögliche erinnerungsbedingte Verzerrung der Krankheitsangaben von Eltern mit und ohne ablehnender Haltung gegenüber dem Spanplattenwerk, zweitens durch eine Unterschätzung der Passivrauchbelastung als krankheitsverursachendem Faktor und drittens durch die fehlende ärztliche Überprüfung bzw. Absicherung der von den Eltern angegebenen Erkrankungen. Demgegenüber steht eine Reihe von durchaus plausiblen Ergebnissen, deren Korrektheit beispielsweise durch Dosis-Wirkungsbeziehungen und vergleichbare Ergebnisse aus der Literatur gestützt werden.

Weitergehende Ermittlungen könnten einen genaueren Einblick in die hier gefundenen Verhältnisse ermöglichen. Aber auch trotz der bestehenden Unsicherheiten und letztlich fehlenden Möglichkeit, einen kausalen Zusammenhang zwischen den beobachteten Symptomhäufigkeiten und den Emissionen des (damaligen) Spanplattenbetriebes herzustellen sowie auch trotz der nach dem heutigen Stand des Wissens noch bestehenden Unwissenheit über die langfristigen gesundheitlichen Folgen für Kinder mit erhöhter Anfälligkeit gegenüber allergisch und infektiös bedingten Symptomen sollten unter Vorsorge- bzw. Gesundheitsförderungsaspekten die hier gewonnenen Beobachtungen ernstgenommen werden.

Die Ergebnisse über diese Zusammenfassung hinaus sind in einem Kurzbericht der Studie (Text mit Anhang, Karten, Fragebogen) veröffentlicht.


Stadt Gütersloh, Fachbereich Umweltschutz; Letzte Änderung: 02.12.2008