D.1 Landschaftsgeschichte

Bearbeitungsstand: 07/2008

 

Der nachfolgende Überblick über die Landschaftsgeschichte des Raumes beginnt mit der naturräumlichen Ausstattung. Grundlage sind die vorgegebenen geologischen Verhältnisse. Geprägt wurden sie von den Vorgängen der letzten Eiszeiten. Sie bestimmen die geomorphologische und geologische Ausstattung bis heute.

Geologie

Große Teile des Stadtgebietes von Gütersloh werden von Sanden der Niederterrasse, stellenweise aber auch von Schmelzwassersand bedeckt. Beides sind Ablagerungen fließenden Wassers. Teilweise kommen aber auch Geschiebelehminseln der lehmig-sandigen Grundmoräne vor (von Gletschern transportiertes Material), die oft von Flugsanddecken oder Nachschüttsanden überlagert sind. Treten diese Grundmoränenbereiche auch geomorphologisch als langgestreckte, flache Hügel hervor, so spricht man von Drumlins (z. B. im Nordosten des Stadtgebietes; vergleiche Karte E.9.1). In den Niederungen sind sandig-lehmige Bachablagerungen aus der Nacheiszeit anzutreffen.

Natürliche Vegetation

Aus den beschriebenen Substraten haben sich die Böden entwickelt, die in Kapitel E.1 dargestellt sind. Sie sind mit ihrem Angebot an Wasser und Nährstoffen ein entscheidender Standortfaktor für die natürliche Vegetation. Diese wird, abgesehen von kleinen Bereichen besonderer Standorte, von verschiedenen Waldgesellschaften aufgebaut (siehe Karte D.1.1)

In der Nacheiszeit dominierten zunächst Kiefern-Birkenwälder (10.000-8.800 vor Christus), die später (ab 7.000-6.000 vor Christus) von Eichenmischwäldern abgelöst werden. Heute stellen die im folgenden vorgestellten Formationen die potentielle natürliche Vegetation im Stadtgebiet dar. Damit bezeichnet man diejenige Vegetation, die sich nach Nutzungsaufgabe durch den Menschen an einem Standort einstellen würde.

Bachbegleitend, in den grundwasserbeeinflussten und periodisch überfluteten Auenbereichen, sind der Traubenkirschen-Erlen-Eschenwald und der Erlen-Eichen-Birkenwald die natürlichen Waldgesellschaften. In den breiten Niederungen treten Erlenbrüche auf.

Auf den höher gelegenen und relativ trockenen Standorten sind verschiedene Assoziationen der bodensauren Eichenwälder die potentiell natürliche Vegetation. Die extrem basen- und nährstoffarmen Quarzsandböden und sandigen Kiesböden werden vom trockenen Eichen-Birkenwald besiedelt.

Die schwach anlehmigen Sand- oder Kiesböden der Grundmoräneninseln tragen als potentiell natürliche Waldgesellschaft den trockenen Buchen-Eichenwald. Hier tritt die Buche besonders hervor, während die Stieleiche nur dann vermehrt auftritt, wenn die Geschiebelehminseln im Untergrund Stauhorizonte bilden und jahreszeitlich für wechselnde Feuchtigkeit des Bodens sorgen.

Diese natürlichen Waldgesellschaften wurden durch die Nutzung und Bewirtschaftung des Menschen nachhaltig beeinflusst und weitgehend beseitigt. Die Traubenkirschen-Erlen-Eschenwälder und die Erlen-Eichen-Birkenwälder sowie die Erlenbrüche der Niederungen werden heute überwiegend als Grünland und in zunehmendem Maße bereits als Acker bewirtschaftet.

Die Lagen der trockenen Ausbildungen der Eichen-Birkenwälder bzw. Buchen-Eichenwälder sind aktuell großflächige Ackerschläge. Lediglich kleine Waldreste in der Form von Feldgehölzen oder Bauernwäldern sind von der ursprünglich flächendeckenden Bewaldung übriggeblieben.

Landschaftsentwicklung

Die Besiedlung und Bewirtschaftung des Menschen orientierte sich zunächst an natürlichen Gunstfaktoren. Die ältesten Dörfer finden sich auf den leicht lehmigen Böden, während die mageren Sandböden sowie die Nassböden anfangs gemieden wurden.

Später folgte die weitere Landerschließung durch zusätzliche Rodungen zur Gewinnung von weiterem Ackerland. Gleichzeitig wurden die vorhandenen Wälder intensiv genutzt (z. B. zur Weide des Viehs), bis sie schließlich durch Übernutzung verheideten. Der Höhepunkt der Heideflächen-Verbreitung ist um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhunderts erreicht. Um 1800 werden 56 Prozent des Naturraumes von Heiden bedeckt. Entsprechend sind die Anteile der anderen Nutzungsformen nur relativ gering (vergleiche Abbildung unten).

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nimmt der Anteil des Grünlandes durch die Bildung von Wassergenossenschaften und die Organisation der Heidekultivierung zu. Mit finanzieller Unterstützung des Staates werden Wasserläufe reguliert, Sumpfwiesen trockengelegt und magere Wiesen bewässert. Im Altkreis Wiedenbrück wurden beispielsweise von 1899 bis 1904 etwa 2.100 Hektar Ödland kultiviert.

Spätestens ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts kam es aufgrund des Strukturwandels und der EG-Agrarreform zu einer weiteren Intensivierung der Grünlandbewirtschaftung. Neue Flurbereinigungsverfahren ermöglichten die Entwässerung von Parzellen. Verstärkter Gewässerausbau und zunehmende Grünlandumbrüche führten zu einer grundlegenden Änderung des Landschaftsbildes.

Vergleich Landschaftsausschnitt 1822/1998

Besonders deutlich wird die Landschaftsentwicklung der letzten 180 Jahre an einem direkten Vergleich eines Landschaftsausschnittes damals und  heute. Beispielhaft für den Raum Pavenstädt zeigen die folgenden Abbildungen einen solchen Vergleich. Zur besseren Orientierung sind jeweils dieselben beiden Höfe mit einer roten Zahl markiert.

Die Farben haben folgende Bedeutung:  
rosa Heideflächen
hellbraun Ackerflächen
dunkelbraun Gärten, auf der aktuellen Karte auch Gartenbaubetriebe
hellblau Wald und Feldgehölze
blassgrün Wiese
grün Weide, auf der aktuellen Karte auch nicht näher spezifiziertes Grünland
Siedlungsflächen und sonstige Nutzungen sind weiß gelassen  

 

Pavenstädt um 1822 (nach Schluckebier 1984)

Geobasisdaten der Kommunen und des Landes NRW © Geobasis NRW 2015

Pavenstädt 1998 (nach NZO-GmbH)

 

Bei der Betrachtung der Kartenausschnitte fällt zunächst die weite Verbreitung der Heideflächen auf der Karte vom Anfang des 19. Jahrhunderts auf. Einzelne Höfe mit ihren umgebenden Ackerflächen sowie Wald- und Grünlandflächen sind darin wie Inseln eingestreut. Heute werden diese Flächen fast vollständig als Acker oder Grünland genutzt. Beide letztgenannten Nutzungsformen konnten ihren Flächenanteil auch generell deutlich ausdehnen. Die Heide ist dagegen aus der heutigen Landschaft völlig verschwunden.

Schon damals vorhandene Ackerflächen haben ihre Nutzung bis heute behalten. Das ist besonders im Westen des Kartenausschnittes sowie rund um die Höfe augenfällig. Zusätzlich als Acker bewirtschaftet werden dagegen neben ehemaligen Heideflächen auch Teile der Waldflächen.

Der Waldanteil ist trotz seiner schon damals geringen Ausdehnung zurück­gegangen. Die Waldschwerpunkte haben sich jedoch bis heute erhalten, wenngleich es in geringem Umfang auch Neuanlagen gegeben hat. Allerdings sind in der aktuellen Darstellung auch Feldgehölze und Baumgruppen enthalten.

Eine heute weit verbreitete intensive Nutzungsform im Pavenstädter Raum ist der Gartenbau. Dieser existierte um 1822 noch nicht. Der Gartenbau zeigt in Pavenstädt den Schwerpunkt seiner Verbreitung im gesamten Stadtgebiet.

Besonders auffallend sind auch die enorm vergrößerte Ausdehnung des Straßen- und Wegenetzes sowie der Siedlungen heute im Vergleich zu früher. Zwar haben sicher bereits zu Anfang des letzten Jahrhunderts mehr Verbindungen bestanden als auf der Karte zu erkennen, doch ist die Zunahme unverkennbar. Der Siedlungsdruck auf die freie Landschaft zeigt sich am östlichen Rand des Auschnittes und im Süden im Bereich "Venn" (heute Ostermanns Weg / Im Fenne).

Zusammenfassung

Die am Beispiel Pavenstädt verdeutlichte Landschaftsentwicklung kann als exemplarisch für das gesamte Stadtgebiet gelten. Die gemachten Ausführungen zeigen die große Dynamik, die es in der Entwicklung der Landschaft und im Aussehen des Landschaftsbildes immer gegeben hat. Die Entwicklung der Kulturlandschaft hatte zunächst eine Differenzierung in verschiedenste Pflanzengesellschaften (Burrichter 1977) und damit eine Lebensraumbereicherung der ursprünglichen Waldlandschaft zur Folge. Während des Heidebauerntums wurde die Landschaft dann stark verändert und natürliche Lebensräume gingen nahezu vollständig verloren.

Quelle: Stadt Gütersloh, Liegenschaftskataster 2004

 

Das Grünlandbauerntum schuf eine vielfältige, parkähnliche Kulturlandschaft (Burrichter 1977, Müller-Wille 1960). Je stärker jedoch extensive und vielfältige Wirtschaftsformen durch den Strukturwandel in der Landwirtschaft verloren gingen (z. B. durch Mechanisierung, Flurbereinigung, EG-Milchkontingentierung, Ausweitung der Ackeranteile), desto stärker wurden Vegetations- und Lebensraumverarmung erkennbar. Die heutigen Flächenanteile verschiedener Nutzungen am gesamten Stadtgebiet zeigt die Abbildung oben (vergleiche auch Kap. E.2).

 

Quellen:
  • Burrichter, E. (1973): Die potentielle natürliche Vegetation in der Westfälischen Bucht, Siedlung und Landschaft in Westfalen, Heft 8
  • Burrichter, E. (1977): Vegetationsbereicherung und Vegetationsverarmung unter dem Einfluss prähistorischer Menschen, Natur und Heimat 37, Seite 46 - 52
  • Müller-Wille, W. (1960): Natur und Kultur in der oberen Emssandebene - Decheniana 113 (2), Seite 323 - 344
  • Schluckebier, Georg-Wilhelm: Gütersloh und seine Bauernschaften im Kartenbild um 1822, Rekonstruktion nach dem Urkataster

Stadt Gütersloh, Fachbereich Umweltschutz; Letzte Änderung: 13.12.2013